Antiquitäten · Antikes Silber · Kunstgegenstände

Inhaber: Peter Rauch

Kaffee/Teekanne aus Stade, um 1760
(verkauft)

Eines meiner Lieblingsstücke (unverkäuflich)
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Paar Kerzenleuchter aus Hameln, um 1760
(verkauft)

Der Silberwarenhandel im Verlauf des 19. Jahrhunderts
und die Problematik der Identifizierung durch Beschau- und Meistermarke

In den Heften 1/2 und 3 der Weltkunst berichtete Reiner Neuhaus über Fertigteile der Fa. Bruckmann in Heilbronn und den Vertrieb über Musterkataloge an die Goldschmiede. Daraus folgend sollte der Frage einmal nachgegangen werden, inwieweit die Goldschmiede im fortschreitenden 19. Jahrhundert bis zur völligen Industrialisierung und Massenproduktion ihre Arbeiten überhaupt noch selbst fertig stellten. Oder ob sie die Verkaufsgegenstände einfach nur nach Katalog von den Silberwarenfabriken bezogen und mit ihren eigenen Marken versehen verkauften.

Eine große Zahl der zur Mitte des 19. Jahrhunderts tätigen Goldschmiede tragen neben ihrer Berufsbezeichnung als Gold- und Silberarbeiter den Zusatz Juwelier oder einfach Silberwarenhändler. Aus dieser Kennzeichnung gab der Goldschmied schon zu erkennen, daß er nicht nur Silber verarbeitete, sondern auch damit handelte.

Die im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnende Auflösung der Zünfte und die damit verbundene Gewerbefreiheit brachte auch für die Goldschmiede wesentliche Veränderungen mit sich. War doch früher die Zahl der Werkstätten, der Gesellen und Lehrknaben für alle beschränkt, so begann sich nun ein Konkurrenzkampf im Sinne des freien Wettbewerbs zu entwickeln. Durch die neuen technischen Möglichkeiten, wo Maschinen solide Handarbeit ersetzten, kamen die Goldschmiede zunehmend in Bedrängnis. Sie konnten sich gegen die leistungsfähigen Fabriken die den Markt eroberten, nur noch schwer behaupten. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in den kleinen Werkstätten so gut wie keine Korpuswaren mehr hergestellt. Um mit den Preisen konkurrenzfähig zu bleiben, mussten sie zunehmend auf Importware oder teilgefertige Korpusware zurückgreifen, da die reine Handarbeit zu teuer wurde. Diese Waren konnten ohne Probleme über Zwischenhändler bezogen und in Musterkatalogen ausgewählt werden. Nachfolgend wollen wir uns exemplarisch etwas näher mit dieser Entwicklung befassen.

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Hier handelt es sich um 6 völlig identisch gearbeitete Silberlöffel aus Jever, um 1820. Sie tragen drei verschiedenen Meistermarken.

In München wurden ab 1810 vermehrt Konzessionen für Bijouterie Großhandlungen im Königreich Bayern vergeben. Ihr Verkaufsziel lag in der Erlangung breitester Gewinnspannen durch möglichst preiswerte, aber dennoch gute Waren aus dem Ausland. Daher begannen die bürgerlichen Goldschmiede ein selbstgefertigtes und zugekauftes Warenlager zu unterhalten. Der Goldschmied wurde immer mehr zum Händler und arbeitete fast nur noch auf Bestellung. So heißt es zum Beispiel bereits um 1830 auf der Visitenkarte von Bartholomäus Maierhofer, dass er zusätzlich ein Silberwarenlager anbiete.1
Aus Schwäbisch Gmünd wissen wir, daß die oft sehr kleinen Werkstätten von den wenigen Direktaufträgen ihrer Kunden kaum überleben konnten. Sie stellten sich daher auf eine fabrikmäßige, serielle Herstellung um. Der Verkauf dieser Massenware war jedoch nur auf Jahrmärkten oder durch Hausiererhandel möglich. So übernahmen Händler und Handelshäuser den Vertrieb der Waren, deren Absatzgebiete sich über ganz Deutschland erstreckten.3

Auch in Bremen wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kaum noch Galanterie- und Bijouteriewaren selbst hergestellt. Die Produzenten und Lieferanten saßen in Paris, Pforzheim, Hanau und Schwäbisch Gmünd.2
Die beiden Bremer Brüder Dietrich und Carl Wilkens traten 1828 und 1829 in den väterlichen Betrieb ein. Sie erweiterten rasch ihre Werkstatt zu einer Prägeanstalt und gaben bald darauf erste Musterbücher heraus. Die Auftragsbücher von Wilkens zeigen als Kunden vielfach die Namen renommierter Juweliere aus allen Großstädten Deutschlands.2 Diesen Juwelieren war natürlich sehr daran gelegen, den „Makel“ der fabrikmäßigen Serienproduktion zu verschleiern. Sie wünschten einen Verzicht der Stempelung durch die Bremer Hersteller und versahen die eingekauften Arbeiten mit ihren eigenen Marken. So sind heute manche Stücke nur durch den Vergleich mit den Entwurf- und Musterbüchern als Bremer Arbeit zu erkennen. 1829 gründete der Goldschmied Gottfried Koch , der zuvor bei Wilkens & Söhne in die Lehre gegangen ist, in der Bremer Knochenhauerstr. 12 sein Ladengeschäft. 1834 nahm er Ludwig Bergfeld zum Teilhaber. Die Firma wurde unter dem Namen Koch & Bergfeld weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Von wenigen individuell gefertigten Einzelaufträgen abgesehen ging man rasch zur seriellen Produktion mit offenem Ladengeschäft über. Das Absatzgebiet erstreckte sich von Skandinavien bis nach Südeuropa. Korpuswaren wurden nicht nur an die weiterverarbeitenden Fabriken verkauft, sondern zahlreiche Firmen deckten ihren Bedarf mit fertiger Ware. Wie u.a. die Firmen Gebr. Friedländer in Berlin, die Münchner Firmen Wollenweber und Carl Weishaupt oder der Hamburger Goldschmiedemeister Hespe und Schrader. Die Meister hatten ihre Stempel bei der Firma Koch und Bergfeld hinterlegt und die Waren wurden gleich mit den Stempeln der Auftraggebenden Firmen versehen und ausgeliefert.
Der Hanauer Silberwarenfabrikant Johann Daniel Schleissner (etablierte sich 1816 oder 1817 als Silberschmied) beschäftigt 1846 vierzehn Facharbeiter.5 Diesem tüchtigen Mann ist der erfolgreiche Aufstieg der Hanauer Silberwarenindustrie zu verdanken. Er erhielt bedeutende Aufträge, vor allem für die fürstliche Silberkammer im Hanauer Schloß Philippsruhe. Weitere große Firmen, allen voran die Betriebe Hessler und Neresheimer folgten. Die Produktionspalette umfasste vor allem Tafelaufsätze, Pokale und Serviceteile.
Der Frankfurter Goldschmied Johann Peter Schott (1811 Meister) wurde schon vor seinem Tod, 1822, als Silberhändler erwähnt.5 Die von ihm gegründete Firma führte seine Witwe und die beiden Söhne weiter. Während sich aus den ersten Jahren des Betriebes noch handgearbeitete Stücke nachweisen lassen, wurden in der Folgezeit immer mehr fabrikmäßig produzierte Waren verkauft. Bei der etwa zeitgleich durch Wilhelm Conrad Hessenberg gegründeten Frankfurter Firma verhält es sich ähnlich. Der Sohn Johann Friedrich führte 1837 nach dem Tod seines Vaters, den Betrieb erfolgreich weiter und fusioniert 1845 mit der Frankfurter Juweliersfirma Johann Wirsing & Sohn. Mit dem Eintritt des Juweliers Christoph Conrad Sackermann bekam das Unternehmen die Bezeichnung Juwelen-, Gold- und Silberwarengeschäft.5

Der Kasseler Goldschmied Friedrich Proll (1824 Meister), Berufsbezeichnung: Hof-, Gold-, Silberarbeiter und Juwelier verkaufte neben seinen selbst erzeugten Waren (aus Fertigteilen der Fa. Bruckmann Heilbronn) auch solche, die er komplett aus Heilbronn bezogen hatte. Er stempelte sie mit seiner Meistermarke und gab sie damit als seine manuellen Arbeiten aus.6

Aus der Zeit um 1840/60 lassen sich beispielsweise völlig identische Kaffeeservice im Stil des zweiten Rokokos nachweisen, die einmal die Punzen der Fa. Schott, der Fa. Hessenberg & Sohn, der Fa. Hessler in Hanau oder des Kasseler Goldschmieds Friedrich Proll tragen. (Alle mit Beschauzeichen der jeweiligen Stadt) Solche Serviceteile wurden in verschiedenen Varianten unter anderem von den Firmen P. Bruckmann in Heilbronn, Wilhelm Rentrop in Altena/Westphalen und Schleißner in Hanau hergestellt.6

Für das Silberbesteck lassen sich ähnliche Tendenzen ableiten. Es kam mit dem Wirtschaftsaufschwung und wachsendem Wohlstand der Bevölkerung ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts erst richtig in Mode. Die große Nachfrage mußte befriedigt werden. Das war jedoch mit handwerklicher Fertigstellung nicht mehr möglich. Bei verzierten Besteckteilen wurde der heiße Rohling in eine zweiteilige Negativform aus Stahl (Gesenk) eingeschlagen, so daß man in einem Vorgang ein beidseitiges verziertes Besteckteil herstellen konnte. Das Einschneiden der Muster in die Stahlblöcke erforderte viel Arbeit, dadurch wurden die Kosten für die Stücke sehr hoch. Das verlangte einen entsprechend grossen Umsatz und dadurch lag das Geschäft für die Besteckfabrikation ab Mitte des 19. Jahrhunderts in den Händen weniger Großfirmen. Die fertigen Besteckteile wurden über die Grossisten an die Juweliere weiter vertrieben, die sie in beliebiger Stückzahl bestellen konnten und natürlich mit ihren Marken versehen verkauften.7

Interessanterweise wurde auch nach großen Zentren der Goldschmiedekunst reger Silberwarenhandel betrieben. So berichtet Kurt Pötz in seinem Beitrag über die Weißenfelser Edelschmiedekunst: „Im Laufe der Zeit waren 32 Meister Mitglieder der Innung. Das Hauptabsatzgebiet für die Weissenfelser Arbeiten war Leipzig, dafür sprach auch die Anwendung der Leipziger Metallprobe. Ebenso deckten Juweliere in Dresden, Augsburg und Nürnberg ihren Bedarf durch Weissenfelser Erzeugnisse. Bedauerlicherweise haben die letzten Weissenfelser Meister ihre Arbeiten nicht mit ihrem Meisterzeichen versehen, sondern schlugen die Marken des Zwischenhändlers ein.“ 8

Wir sehen, die Identifizierung industriell gefertigter Silberarbeiten anhand eingeschlagener Beschau- und Meisterzeichen ab etwa den 1830er Jahren bis zur Einführung der neuen Stempelung 1888, die nur noch den Feingehalt und die Herstellermarke bzw. Marke des Händlers vorsah, gestaltet sich dadurch schwierig. Beschau- und Meistermarke können nur bedingt Auskunft über den wahren Ort der Entstehung geben. Sind Musterbücher vorhanden läßt sich der eine oder andere Weg zurück in die wirkliche Produktionsfirma verfolgen. Nur wenn die Marke des Herstellers neben der Verkaufsmarke des Juweliers eingeschlagen wurde herrscht absolute Klarheit.

1 Matthias Klein, Münchner Goldschmiedegewerbe, München 1993, Seite 44-47
3 Hans-Wolfgang Bächle, Das Edelmetallgewerbe in Schwäbisch Gmünd, Schwäbisch Gmünd 1983, Seite 95-112
2 Alfred Löhr, Bremer Silber, Bremen 1982, Seite 16,17. Bernhard Heitmann, Handwerk und Maschinenkraft, Die Silbermanufaktur Koch & Bergfeld in Bremn, Hamburg 1999
5 Wolfgang Scheffler, Goldschmiede Hessens, Berlin 1965, Seite 494 Nr. 304, Seite 349 Nr. 548, Seite 356 Nr. 584a
6 Reiner Neuhaus und Ekkehard Schmidtberger, Kasseler Silber, Kassel 1998, Seite 278-280
7 Herbert Bauer, Die Hanauer Antiksilberwaren-Industrie, Dissertation Hanau 1948, Seite 11
8 Kurt Pötzsch, Weißenfelser Edelschmiedekunst, Mitteilungen des Verbandes Deutscher Juweliere, Gold- und Silberschmiede, Nr. 20/1924, Seite 24