Antiquitäten · Antikes Silber · Kunstgegenstände

Inhaber: Peter Rauch

Kaffee/Teekanne aus Stade, um 1760
(verkauft)

Eines meiner Lieblingsstücke (unverkäuflich)
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Paar Kerzenleuchter aus Hameln, um 1760
(verkauft)

Barocke Branntweinschale

Meldorf/Schleswig-Holstein, um 1680

Meister: Hans Boie

Die runde, gebauchte Schale steht auf drei ausgestellten Kugelfüßen. Die Schalenwandung ist mit getriebenen barocken Blatt- und Blütendekoren versehen. Seitliche befinden sich ohrenförmige Griffe. Die Buchstabengravur „TMA“ auf dem Schalenboden dürfte auf den Stifter oder Besitzer hinweisen.

Durchmesser der Schale: 11 cm. Höhe bis Schalenrand: 6,7 cm. Länge über Henkel gemessen: 16 cm. Gewicht: 173 gr.

Gestempelt am Lippenrand zwei mal mit dem Meisterzeichen“HB“

verkauft

Branntwein- oder Taufschale

Ursprünglich stammen diese Schalen aus dem holländisch-friesischen Raum und werden dort als „brandeswijnskom“ bezeichnet. Sie unterscheiden sich regional und stehen in der Regel auf einem, je nach Form der Schale variierenden, Standfuß.

Der speziell im norddeutschen/friesischen Raum anzutreffendem Typus der gebauchten auf drei ausgestellten Kugelfüßen Schalen werden zweierlei Verwendung zugesprochen. Noch bis ins 20 Jahrhundert hinein war es Sitte bei den Friesen, die niederkommende Mutter mit einem Löffel Branntwein zu stärken. Nach alter Tradition wurde der Branntwein gesüßt und vor allem mit Rosinen angesetzt. Nach der Mutter bekamen als nächste die Hebamme oder der Arzt einen Löffel voll; die übrigen Beteiligten an diesem frohen Ereignis nahmen anschließend natürlich auch an der Runde teil. Wie oft die Schale nachgefüllt werden musst, entzieht sich meiner Kenntnis. Tatsache ist, das Geburt und Taufe eines neuen Erdenbürgers im 17. und 18. Jahrhundert als bedeutendes Ereignis angesehen wurde, die je nach Stand und Vermögen des Haushaltsvorstandes gebührend und oft sehr üppig gefeiert wurden. Dass man bei Haustaufen dieselben Schalen als Taufgefäß benutzte, erscheint uns heute als Stilbruch; früher jedoch dachte man nicht so kompliziert.

Gleich ist in jedem Fall auch das Bedürfnis der Konsumenten gewesen, solche Silberschalen als Prestigeobjekte in den Hausratsbestand zu integrieren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert, als sich im Zuge einer lang anhaltenden Agrarkonjunkturphase der Wohlstand bei den größeren Marschenbauern zu mehren begann, wurde Silberbesitz zu einem feinen Gradmesser für Ansehen und Lebensqualität in der bäuerlichen Gesellschaft. Doch auch bei wachsendem Wohlstand blieb dem Silbergeschirr – im Gegensatz zum Zinn – stets die Aura des Singulären und Hervorgehobenen erhalten. So wurden die “Branntwienkoppjes” nicht allein als Trinkschale benutzt, sondern auch als Taufgefäß, das in dieser Funktion als Familienerbstück weitergereicht wurde.Der Heimatforscher Hubert Stierling fand die dafür treffende Formulierung: „sie dienten Gott und dem Teulfel zugleich“

Der vorzügliche Erhaltungszustand der über 300 Jahre alten Schale spricht für einen besonders sorgfältigen Umgang und Pflege.

Goldschmiede in Meldorf

1265 erhielt Meldorf das Stadtrecht. Meldorf war im Mittelalter (bis zur Verlegung nach Heide) Hauptort von Dithmarschen. 1598 verlor Meldorf das Stadtrecht wieder und wurde zum Flecken. 1870 erhielt Meldorf wieder das Stadtrecht.

Bereits für den Zeitraum 1559-1568 wird der erste namentlich bekannte Goldschmied in Meldorf erwähnt. Darauf folgen für das 16. und 17. Jahrhundert weitere 18 Meister bis wir mit unserem Silberschmied Hans Boie den ersten Meister haben, von dem sich erhaltene Arbeiten nachweisen lassen, wenn auch nur spärlich und ausnahmslos kirchliches Gerät, dass sich in Meldorf, Marne, und Hohenwestedt befindet. Umso erfreulicher ist es eine profane Goldschmiedearbeit au dem 17. Jahrhundert in Händen zu halten. Der Meister der Schale, Hans Boie, wurde am 11.8.1622 in Lunden geboren. Er lernt in Danzig das Goldschmiedehandwerk und reist anschließend 6 Jahre. 1650 wird er Meldorfer Bürger und heiratet 1651 die Tochter des Meldorfer Goldschmieds Hans Hübener. Er erwirbt 1662 von neuem das Bürgerrecht und stirbt 1686 oder 1688. Stilistisch ist die Schale dem Hochbarock einzuordnen und dürfte in seinen letzten 10 Lebensjahren geschaffen worden sein.

Zur Stempelung

Als Beschauzeichen fanden gewöhnlich die Stadtwappen Verwendung. Das sind bspw. in Hamburg drei Türme mit dem Stadttor, in Lübeck der Doppeladler oder in Bremen der gotische Schlüssel. Insbesondere in kleineren Städten Schleswig-Holsteins fehlt im 17. Jahrhundert oft die Stadtmarke. Dafür wurde das Meisterzeichen zweimal gestempelt, wie auf der hier vorgestellten Schale und auf zahlreichen Löffeln des 18. Jahrhunderts sich dies belegen lässt.

Lit.: Hubert Stierling, Goldschmiedezeichen von Altona bis Tondern, Seite 262 Nr. 676.

Vergleichende Schalen:

Eine Branntweinschale aus Otterndorf, datiert 1705, befindet sich in der Sammlung Oetker. Lit.: M. Bachtler, Goldschmiedekunst Westfälische Privatsammlung S. 128/129 Nr. 55.

Eine Branntweinschale aus Husum, datiert 1707. Lit.: Sigurd Schoubbye, Das Goldschmiedehandwerk in Schleswig-Holstein, Verlagsanstalt Heide 1967, Abb. Nr. 43

Hamburger Branntweinschalen des ausgehenden 17. Jahrhunderts: Schliemann, Die Goldschmiede Hamburgs Band III Abb. Nr. 503-507

Hans Georg Schönfeld, Eine silberne Branntweinschale aus Wilster

Uwe Meiners, Silberne Branntweinschale von 1781 in Jever